Berlin, 21.10.2016
Mitglieder vor Ort
IMW e.V. Mitglieder begaben sich am Donnerstagabend, d. 20.10.2016 auf eine Zeitreise innerhalb des Bundesministeriums der Finanzen, das im historischen Regierungsviertel Berlins an der Wilhelmstraße gelegen ist.
Nach der Ermordung des ersten Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Rohwedder, erhielt das Gebäude am 1. April 1992 seinen Namen: Detlev-Rohwedder-Haus.
In beeindruckender Weise erläuterte Herr Wohlfahrt die wechselvolle Geschichte Deutschlands an diesem Gebäude, angefangen von der Zeit der Naziherrschaft über die Nachkriegszeit und die DDR-Zeit bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands. Nach der deutschen Wiedervereinigung bezogen das Bundesministerium der Finanzen und der Bundesrechnungshof mit ihren Außenstellen das Gebäude. Die übrigen Räume nutzte die Treuhandanstalt von 1991 bis bis 1995. Im Jahr 1999 zog das Bundesministerium der Finanzen im Rahmen des allgemeinen Regierungsumzugs mit seinem Hauptsitz von Bonn nach Berlin.
Die Mitglieder nahmen Platz im bedeutenden Matthias-Erzberger-Saal. An diesem Ort wurde die Geschichte lebendig. Der ehemals „Große Saal“ war Schauplatz einer Vielzahl historischer Ereignisse: Neben seiner Funktion als Veranstaltungsort diente der Saal auch als Raum für Pressekonferenzen.
Die historisch bedeutendste fand wohl am 15. Juni 1961 statt: Mit den Worten „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ äußerte sich Walter Ulbricht, der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR, zur Situation in Berlin. Nur zwei Monate später begannen Arbeiter damit, an den Sektorengrenzen zu Westberlin Sperranlagen zu errichten. Die Teilung Deutschlands war damit besiegelt, die Mauer verlief am Südflügel des Gebäudes.
Neben dem „Großen Saal“ war der „Kleine Festsaal“ der zweite wichtige Repräsentations- und Sitzungsraum im Reichsluftfahrtministerium. Der wurzelholzgetäfelte Saal war im Dritten Reich Kulisse für eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Nach dem Pogrom am 10. November 1938 fand unter Görings Leitung in dem Saal eine Konferenz statt, bei der unter Beisein anderer Nazigrößen wie Josef Goebbels und Reinhard Heydrich ein Repressionskatalog verordnet wurde, der die Entrechtung der jüdischen Bürger weiter vorantrieb: Neben einer Sühneleistung von einer Milliarde Reichsmark und weiteren Entschädigungszahlungen wurden Juden aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen und quasi über Nacht enteignet.
Der 280 Quadratmeter messende ehemalige „Kleine Festsaal“, heute Eurosaal, dient als Tagungsraum für nationale und internationale Konferenzen. Um für einen reibungslosen Sitzungsablauf die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, wurden hinter einer Glaswand sechs Regie- und Dolmetscherkabinen in die Rückwand des Saals eingebaut. Der Eurosaal verfügt über moderne Konferenztechnologie, die es unter anderem erlaubt, über eine Videowand weltweit zu kommunizieren. Neben diesen modernen Einbauten wurden aber auch historische Merkmale des Saals erneuert: Die ursprüngliche Holzvertäfelung wurde unter mehreren Schichten Farbe und Tapeten wieder freigelegt und restauriert.
An dieser Stelle gilt unser herzlicher Dank Herrn Wohlfahrt für diese gemeinsame beeindruckende Zeitreise.
Eurosaal (Foto: Marion Faulstich)
